Was ist Chemsex?
Chemsex beschreibt Sex unter dem Einfluss von chemischen Substanzen – so genannten „Chems“. Obwohl es keine einheitliche Definition gibt, ist mit Chemsex vor allem der Konsum von GHB/GBL, Crystal Meth, Mephedron und Ketamin gemeint.
International gibt es keine einheitliche, umfassende Definition des Begriffs „Chemsex“. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird damit aber häufig der Konsum ganz bestimmter Substanzen durch Männer, die Sex mit Männern haben, verstanden. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff vor Jahren in der schwulen Szene Londons geprägt.
Zweifelsohne findet Substanzkonsum im sexuellen Kontext aber auch unabhängig von sexueller Orientierung oder sexuellem Verhalten, sowie mit unterschiedlichen legalen wie auch illegalen Substanzen statt. Auch Begriffe wie „Party and Play“ (PnP) oder „High and Horny“ (HnH) werden oft synonym für Chemsex verwendet.
Hintergünde von Chemsex:
Der Konsum von Substanzen im sexuellen Kontext unter MSM (Männern, die Sex mit Männern haben) entsteht nicht zufällig. Er steht im Zusammenhang mit verschiedenen gesellschaftlichen und persönlichen Belastungsfaktoren, die die psychische und körperliche Gesundheit beeinflussen können. Ein zentraler Rahmen zur Erklärung dieses Zusammenhangs ist das Minderheitenstress-Modell.
MSM erleben häufiger Diskriminierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung – sowohl in der Gesellschaft als auch manchmal im familiären oder beruflichen Umfeld. Diese Erfahrungen können zu erhöhtem Stress, psychischer Belastung und dem Gefühl führen, „anders“ oder „nicht richtig“ zu sein.
Zu den wichtigen Einflussfaktoren gehören:
Vulnerabilität: MSM sind aufgrund gesellschaftlicher Benachteiligung oft besonders verletzlich, wenn es um psychische Gesundheit, Gesundheitsversorgung und soziale Unterstützung geht.
Diskriminierung und Stigmatisierung: Offene oder subtile Ablehnung kann zu Angst, Scham und Rückzug führen und den Zugang zu Unterstützung erschweren.
Minderheitenstress: Die dauerhafte Belastung durch das Leben als gesellschaftliche Minderheit erhöht das Risiko für Depression, Angst oder Einsamkeit. Substanzen können als kurzfristige Erleichterung oder als Bewältigungsstrategie genutzt werden.
Internalisierte Homonegativität: Negative gesellschaftliche Einstellungen gegenüber Homosexualität können unbewusst übernommen werden. Das kann zu Selbstabwertung, geringem Selbstwertgefühl, Scham und Schwierigkeiten im Umgang mit Nähe, Intimität und Sexualität führen.
Hinzu kommt die Geschichte von HIV – sie spielt eine wichtige Rolle im Verständnis von Chemsex. Die Erfahrungen der HIV-Epidemie, Verlust und Angst vor Ansteckung haben das sexuelle Erleben vieler schwuler Männer geprägt — oft begleitet von Stigma, Todesangst und Tabuisierung von Sexualität.
Motive für Chemsex sind unter anderem:
- Hemmungen und Ängste abzubauen
- Nähe oder Zugehörigkeit zu erleben
- Leistungs- oder Körperdruck gerecht zu werden
- sexuelle Erfahrungen zu intensivieren
- sich mit anderen innerhalb einer Community verbunden zu fühlen.
Gleichzeitig haben Dating-Apps die Art verändert, wie sexuelle Kontakte entstehen. Sie erleichtern schnellen Zugang zu Sexualpartner*innen und ermöglichen es, gezielt nach Menschen zu suchen, die Chemsex praktizieren oder bestimmte Substanzen nutzen. Dadurch wird Chemsex sichtbarer, leichter zugänglich und stärker sozial eingebettet.
Chemsex kann für einige Menschen bedeutsame Funktionen erfüllen, birgt gleichzeitig jedoch auch verschiedene gesundheitliche Risiken. Die verwendeten Substanzen beeinflussen nicht nur Emotionen, Hemmungen und sexuelle Wahrnehmung, sondern können auch zu Kontrollverlust, Überforderung des Körpers, psychischen Krisen oder erhöhten Infektionsrisiken (HIV und andere STI) führen. Deshalb sind Safer Sex, Safer Use, ein sicheres Umfeld und die Stärkung psychischer und physischer Gesundheit zentrale Themen, wenn es um Chemsex geht
Die Einrichtungen des Netzwerks Chemsex bieten Unterstützung, Beratung und Begleitung – vertraulich, respektvoll und ohne Bewertung – für alle Menschen, die Fragen zu Chemsex haben oder Unterstützung suchen.
Wer mehr dazu hören möchte, kann sich z.B. folgendes anhören:
- Online-Sprechstunde der Aids Hilfe Wien (2024) „Lust auf reden“
- Podcast (2023) „Warme Brüder sprechen über Chemsex!„
- Sendung bei Radio Positiv (2022) „Mehr über Chemsex“
Kurze Tipps im Überblick:
Unsere Website bietet außerdem sechs Tipps unter dem Motto „Safe & Consensual“, die bei der Einschätzung der eigenen Situation helfen können: